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Verliebt in den Fortschritt

Warum wir den Fortschritt feiern sollten!

December 29, 2025 · 17 min read

Verliebt in den Fortschritt

Fortschritt ist etwas Gutes, an dem wir jeden Tag arbeiten müssen. Doch, wie weiter unten ausgeführt wird, stehen wir Menschen dem Fortschritt oft ängstlich und zurückhaltend gegenüber. Fortschritt, hat uns aus der Höhle in die Zivilisation geführt. Er hat uns Bildung, Hygiene und ein sehr viel gesünderes und längeres Leben verschafft. Und das weltweit. Und ja, wir haben uns damit neue Herausforderungen geschaffen. Doch auch diese sind nur mit Fortschritt zu lösen, niemals mit Rückschritt.

Wir zelebrieren also den Fortschritt, wir möchten ihn feiern, das ganze Jahr lang. Und möchten jeden einladen, dabei mitzumachen. Im Zentrum steht unser “The day it changed” Kalender, der uns durch das ganze Jahr begleiten wird.

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Doch, fangen wir vorn an:

Was feiern wir denn hier genau?

Fortschritt ist der Grund, warum wir heute nicht an einer Schnittwunde sterben, warum Hunger keine Naturkonstante mehr sein muss, warum Wissen nicht mehr an einen Ort gebunden ist, und warum ein durchschnittliches Leben nicht mehr kurz, brutal und zufällig endet. Über Jahrtausende betrachtet sind die großen Sprünge erstaunlich klar: Sprache wurde zu Schrift, Erinnerung wurde zu Archiv, Erfahrung wurde zu Wissenschaft. Wir haben gelernt, Natur zu lesen, zu messen, zu erklären – und dann gezielt zu verändern. Das Ergebnis ist messbar: drastisch gesunkene Kindersterblichkeit, massiv verlängerte Lebenserwartung, enorme Produktivität, gewaltige Wissensakkumulation.

Wer das kleinredet, verwechselt Gegenwart mit Normalität.

Der tiefere Punkt ist: Fortschritt ist nicht nur „neue Technik“. Fortschritt ist eine neue Fähigkeit der Menschheit, Wirklichkeit systematisch zu bearbeiten. Der Übergang von Mythos zu Methode ist einer der größten Brüche überhaupt. Sobald eine Gesellschaft messen, vergleichen, standardisieren und replizieren kann, wird Fortschritt nicht mehr zufällig, sondern kumulativ. Genau deshalb sind Institutionen wie Wissenschaft, Bildung, Ingenieurwesen, Recht, Märkte und offene Kommunikation keine Nebenthemen, sondern Fortschrittsmaschinen. Und genau deshalb kippt alles, wenn diese Maschinen politisch, kulturell oder ökonomisch verstopfen.

Die berühmten Meilensteine kennt jeder: Feuer, Landwirtschaft, Rad, Druck, Dampfmaschine, Elektrizität, Computer, Internet, KI, Robotik. Aber die unterschätzten sind oft die eigentlichen Weltbeweger: sauberes Wasser und Kanalisation (weil sie Krankheiten verschwinden lassen, ohne dass jemand applaudiert), Kühlketten (weil sie Ernährung, Medizin und Städte stabilisieren), Standardisierung (Maße, Normen, Zeit), Containerisierung (weil sie Globalisierung operationalisiert), doppelte Buchführung (weil sie komplexe Wirtschaft erst steuerbar macht), Haber-Bosch (weil es Milliarden ernährt), Anästhesie und Antisepsis (weil sie moderne Chirurgie ermöglichen). Das sind eben keine Details. Das sind Zivilisations-APIs: unsichtbar, bis sie fehlen – dann steht alles.

Und es gibt noch eine zweite Kategorie unterschätzter Meilensteine: die „Unsichtbaren aus dem Kopf“. Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Feedback-Mechanismen, Qualitätsmanagement, Testkultur, Fehlertoleranz als Lernarchitektur. Das klingt trocken, ist aber brutal wirksam. Ohne diese geistigen Werkzeuge gäbe es keine moderne Medizin, keine sichere Luftfahrt, keine stabile Infrastruktur, keine verlässliche Industrie. Fortschritt lebt nicht von Genialität allein, sondern von der Fähigkeit, Ideen in robuste Systeme zu übersetzen. Der Unterschied zwischen einer Erfindung und einem Durchbruch ist fast immer: Skalierung, Standardisierung, Sicherheit, Wartbarkeit.

Für Unternehmen heißt das jetzt: Behandelt Fortschritt wie Betriebssicherheit. Eure Wertschöpfung in 2026 hängt an unsichtbaren Grundlagen (Daten, Energie, Lieferketten, Standards, Vertrauen) – und die nächste Wettbewerbsrunde wird von denen gewonnen, die diese Grundlagen aktiv erneuern, nicht nur ausnutzen. Wer heute Standards ignoriert, wird morgen regulatorisch zerlegt. Wer Vertrauen verspielt, verliert Märkte schneller als jede Produktinnovation sie zurückkaufen kann. Wer nicht in Fähigkeiten investiert (Datenkompetenz, Modellkompetenz, Sicherheitsdenken, Change-Kompetenz), wird nicht langsamer, sondern irrelevant.

Das heißt auch: Fortschritt ist Führungsarbeit. Nicht als Innovations-Theater, sondern als Portfoliologik. Optionen aufbauen, Reallabore ernst nehmen, schnell lernen, sauber skalieren, hart stoppen können. Und Menschen mitnehmen, bevor sie sich abgehängt fühlen: Kunden, Mitarbeiter, Investoren. Vertrauen entsteht nicht durch PR, sondern durch nachvollziehbare Entscheidungen, klare Leitplanken und sichtbaren Nutzen. Wer Fortschritt nur konsumiert, wird austauschbar. Wer ihn systematisch gestaltet – als Portfolio aus Optionen, Reallaboren und skalierbaren Lösungen – baut Zukunftsfähigkeit als echten Vorteil.

Und genau deshalb müssen wir Fortschritt feiern: nicht aus Naivität, sondern aus Präzision. Wer Fortschritt nicht sieht, kann ihn auch nicht fortsetzen. Wer nur Risiken sieht, bleibt in der Abwehr und erklärt Stillstand zur Tugend. Die richtige Haltung ist erwachsen: Wir würdigen die großen Sprünge, und wir lernen die stillen, unterschätzten Infrastruktur-Innovationen zu lieben, die unsere Welt tragen. Fortschritt ist keine Einbahnstraße, aber er ist die einzige Richtung, in der Probleme tatsächlich gelöst werden.

Früher war alles schlechter

Menschen neigen dazu, den Nutzen vergangener Fortschritte zu unterschätzen. So sind erhebliche Verbesserungen der Lebensverhältnisse (z. B. Rückgang von Armut, Kindersterblichkeit oder der Luxus von Rolltreppe und Aufzug) vielen nicht bewusst. Natürlich war Früher nicht alles schlechter, aber der weltweite Lebensstandard ist insgesamt deutlich besser geworden.

Doch nicht nur das Bauchgefühl, sondern auch die Forschung belegt, dass technologischer und gesellschaftlicher Fortschritt häufig ambivalent wahrgenommen wird. Viele Menschen empfinden neue Technologien zunächst als Bedrohung oder Risiko – insbesondere wenn deren Folgen unbekannt oder unkontrollierbar wirken. Gleichzeitig besteht ein systematischer Zukunftspessimismus: Umfragen zeigen klar, dass große Bevölkerungsanteile die Zukunft negativer einschätzen als den Status quo.

Also Risiken ignorieren?

Nein, mitnichten. Wir glauben vielmehr fest daran, dass man mit Risiken viel besser, viel erwachsener umgehen kann, wenn es zunächst gute, positive Zukunftsbilder gibt. Wir wollen Risiken natürlich mitigieren, aber nicht mehr aus Angst heraus, sondern aus Verantwortung. Und viel zu viel Entscheidungen, quer durch die Wirtschaft, quer durch alle Hierarchien, werden aus Angst und Phantasielosigkeit getroffen.

Doch steigen wir tiefer ein. Zunächst, die Problemanalyse, dann der Chancenhebel.

Problemanalyse: Drei zentrale Befunde

Ignoranz bisheriger Errungenschaften
Viele Menschen erkennen die Errungenschaften vergangener Innovationen nur unzureichend. Umfragen von z.B. Ipsos und Pew zeigen große Wissenslücken bezüglich objektiver Verbesserungen: Über die Hälfte der Befragten glaubt fälschlicherweise, extreme Armut habe zugenommen – obwohl sie in den letzten Jahrzehnten stark gesunken ist. Nur 39 % wissen, dass die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern gesunken ist. Die weitere Verbesserung dieser Werte kann einen enormen Beitrag zu Climate Action, Friedens- und Wohlstandssicherung beitragen.

Status Quo Verliebtheit
Viele bewerten zukünftige Veränderungen kritischer als den gegenwärtigen Zustand. Dies zeigt sich z. B. darin, dass in einer 19-Länder-Umfrage 70 % glauben, die nächste Generation werde schlechter gestellt sein als die jetzige. Wir Menschen neigen dazu Veränderungen als potenziellen Verlust wahrzunehmen und daher das Bekannte vorzuziehen. So erfordert eine neue Option oft einen deutlich höheren wahrgenommenen Nutzen, um das Bestehende zu ersetzen. Das gilt für Menschen im Alltag genauso wie für Konzernvorstände. So gehen viele gute Verbesserungen verloren.

Bedrohungsgefühl aus der Zukunft
Wir Menschen empfinden neuen technologischen oder sozialen Fortschritt vor allem dann als Bedrohung, wenn die Risiken unbekannt oder unvertraut eingeschätzt werden. Geringes Wissen, geringe Vertrautheit und fehlendes Vertrauen gehen direkt mit höherer Risiko­wahrnehmung einher.

Zwischen-Fazit

Dieses kontrafaktische Unwissen führt dazu, dass der heutige Nutzen von Fortschritten (etwa Antibiotika, GPS, sauberes Trinkwasser) oft als selbstverständlich wahrgenommen und im Wert unterschätzt wird. Studien deuten an, dass Menschen kaum abschätzen können, was sie ohne diese Fortschritte verloren hätten. So hätte z. B. fehlende Trinkwasserchlorierung historisch weiter hohe Cholera- und Typhus-Raten bedeutet (Chlorierung senkte Cholera um ~90 %, Typhus um ~80 %). Solche kontrafaktischen Perspektiven werden im Alltagsbewusstsein selten bedacht und weitere, vermutlich noch größere Fortschritte verlangsamt oder gar verhindert.

Biases wie Risikoaversion, Ambiguitätsaversion und Ungewissheitsintoleranz führen dazu, dass Zukunftsrisiken überschätzt und Status-quo-Risiken unterschätzt werden.

Ein großer Punkt ist der Endowment-Effekt, oder Besitztums-Effekt – etwas, das man hat, wird höher bewertet, als das, was man noch nicht besitzt. Er erklärt zusammen mit Verlustaversion die Trägheit gegenüber Neuerungen: Man will Errungenschaften nicht hergeben, selbst wenn der Ersatz objektiv besser wäre. Im Fortschrittskontext behalten Menschen lieber vertraute Technologien/Ordnungen, da der sichere Verlust schwerer wiegt als der unsichere Gewinn durch Neues.

Außerdem treibt uns die Ambiguitätsaversion & Ungewissheitsintoleranz: Menschen meiden Optionen mit unklaren Wahrscheinlichkeiten (Ambiguität) deutlich – bekannt als Ellsberg-Paradoxon. Übertragen bedeutet das: Eine neue Technologie mit ungewissen Nebenwirkungen wird eher abgelehnt als eine etablierte Technologie mit bekannten, selbst wenn höheren Risiken. Persönlichkeitsmerkmal Intolerance of Uncertainty korreliert mit Technikängsten: Wer Unsicherheit schlecht erträgt, neigt zu übervorsichtigen Einstellungen gegenüber Innovation und verhindert so Verbesserungen für sich selbst und alle anderen auch.

Diving Deeper

Eine analytische Ebene tiefer gibt es weitere interessante Erkenntnisse

Das Fortschritts-Paradoxon – objektiver Fortschritt, subjektive Skepsis
Trotz historisch beispielloser Verbesserungen in Gesundheit, Wohlstand und Technologie herrscht in Teilen der Bevölkerung ein Gefühl der Stagnation oder Verschlechterung. Dieses Paradoxon lässt sich dadurch erklären, dass Fortschritte unsichtbar werden, sobald sie Normalität sind, während neue Probleme und Risiken stets im Vordergrund stehen. So verbessern Innovationen das Leben oft schleichend (ohne Schlagzeilen), während ihre seltenen negativen Ereignisse oder hypothetischen Gefahren stark auffallen.

Das Resultat ist ein Wahrnehmungsdefizit des Guten: Die Menschen leben im besten Gesundheitsstandard der Geschichte, glauben aber, alles werde schlimmer. Diese Erkenntnis mahnt, dass subjektive Fortschrittsbilanz und Fakten auseinanderklaffen können – ein wichtiger Ansatzpunkt für Aufklärung.

Dynamik der Akzeptanz – vom Unbekannten zum Vertrauten
Der anfängliche Widerstand gegen viele Technologien wandelt sich mit der Zeit in Akzeptanz oder gar Unentbehrlichkeit. Ein tiefergehender Blick offenbart, dass Vertrautheit und persönliche Erfahrung zentrale Rollen spielen: Was heute Angst macht, kann morgen als selbstverständlich gelten. Historische Beispiele (von der Eisenbahn, über Gentechnik, bis zum Internet) zeigen, dass die psychologische Distanz einer Innovation – anfangs groß – mit zunehmender Nutzung schrumpft. Dieses Muster verdeutlicht: Fortschrittsfurcht ist kein statisches Urteil, sondern oft ein vorübergehendes Phänomen. Sobald Unsicherheiten abgebaut und Nutzen individuell erfahrbar werden, kippt die Wahrnehmung zugunsten des Fortschritts. Die Herausforderung besteht darin, diese Phase der „Zukunftsschock“-Ängste zu überbrücken, ohne wichtige Innovationen oder Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

Einfluss der Deutungsmuster – Erzählungen steuern Risiko- und Nutzenbilder
Tiefenanalytisch zeigt sich, dass es nicht allein die Fakten sind, sondern die Geschichten, die wir uns über Fortschritt erzählen, welche Akzeptanz oder Ablehnung prägen. Narrative mit dystopischem Tenor („Die Maschinen übernehmen die Welt“) aktivieren andere Emotionen als solche, die Fortschritt als Fortsetzung menschlicher Problemlösung darstellen. Kulturelle Narrative (z. B. „Natürlichkeit“ vs. „Beherrschung der Natur“) filtern die Interpretation von Technologie.

Dieses Insight unterstreicht: Wer den Diskurs über Fortschritt gestaltet, kann durch Framing und Metaphern die öffentliche Risikowahrnehmung leiten. Es erklärt, warum zwei Gesellschaften mit denselben Technologien zu völlig unterschiedlichem Umgang kommen können – sie erzählen sich etwas anderes darüber. Für die Praxis bedeutet das: Fortschritt muss kommunikativ begleitet werden; die richtigen Erzählungen und Botschafter können irrationalen Ängsten entgegenwirken oder diese unbeabsichtigt schüren.

Zukunftsbilder sind hier das Werkzeug der Wahl für die Wirtschaft.

Der Chancenhebel

Der Chancenhebel beginnt nicht mit überzogenem Optimismus, sondern mit Gestaltungskraft. Wer Fortschritt zu erst als Risiko wahrnimmt (und sei es auch nur unbewusst), bleibt im Modus der Abwehr. Wer jedoch gestalten will, braucht ein anderes Betriebssystem: umfassende Zukunftsbilder, echte Strategie und die Fähigkeit, frühe Innovation auszuhalten, bevor sie „beweisbar“ ist.

Umfassende Zukunftsbilder sind keine Vision-Poster.
Sie sind Entscheidungsmaschinen, die zuerst den tatsächlichen Gestaltungsspielraum einer individuellen Organisation manifestieren. Sie verbinden Sinn, Realismus und Handlungsfähigkeit.

Sinn heißt: Wofür stehen wir morgens auf, jenseits von Effizienz, KPIs und Quartalslogik?

Realismus heißt: Welche Kräfte wirken wirklich von Innen und von Außen auf die Organisation – technologisch, demografisch, geopolitisch, kulturell – und was davon ist nicht verhandelbar?

Handlungsfähigkeit heißt: Wie stellen wir ernsthafte Agilität her (nicht Einführung von Scrum oder fancy Agile) und was bedeutet das konkret für Portfolio, Prozesse, Governance, Talent, Pipeline und Kultur?

Ein gutes Zukunftsbild verbindet einen großen Traum mit einem klaren Filter: Es macht sichtbar, welche Optionen strategisch zählen und welche nur Beschäftigungstherapie sind.

Echte Strategie ist keine Langfristplanung.
Planung ist viel zu oft ein fatales Beruhigungsritual gegen Unsicherheit. Strategie ist das Gegenteil: Sie ist die Fähigkeit, unter Unsicherheit zu wählen, Wetten zu platzieren und zugleich beweglich zu bleiben. Sie baut Optionen statt Roadmaps zu verehren. Sie definiert Prinzipien, nach denen man entscheidet, wenn die Datenlage dünn ist. Wer Strategie mit Plan verwechselt, schützt den Status quo und nennt das dann Stabilität. Genau so gehen Chancen verloren, bevor sie überhaupt als Chancen erkannt werden (können).

Der härteste Teil ist der früheste: Innovation in ihrer rohen, unbewiesenen Phase zuzulassen. Die meisten Organisationen töten Ideen genau dort, wo der größte Hebel liegt: Wenn etwas noch vage ist, noch keine KPIs hat, noch nicht in die Budgetlogik passt. Sie verlangen Proof, bevor überhaupt eine Hypothese sauber existiert. Das ist nicht rigoros oder klar, das ist defensiv.

Wahrhafte frühe Innovationsphasen brauchen Schutz, Tempo und Anschlussfähigkeit:

  • Schutz, damit Unfertiges nicht sofort von Perfektionismus erstickt wird.
  • Tempo, weil Lernen in Zukunftsthemen Zeit nicht als Ressource, sondern als Gegner hat.
  • Anschlussfähigkeit, damit die Idee nicht im Kreativraum verdunstet, sondern in die Organisation integriert werden kann. Und dieses Verankern ist gleichermaßen eine Aufgabe der Organisation, wie auch der Träumer. Den Anfang und die Kontinuität muss hier immer der/die CEO und der Vorstand leisten.

Dazu gehört eine seltene Ressource, die fast jede Organisation hat und fast jede Organisation verschwendet: die Träumer. Nicht (nur) die romantischen, sondern besonders die strategischen Träumer. Menschen, die Möglichkeitsräume intuitiv erfassen, schwache Signale ernst nehmen, Muster sehen, bevor sie messbar werden, und die Unbequemen Fragen stellen, die später offensichtlich wirken. (siehe auch unser Artikel Blütenträume).

Diese Träumer müssen identifiziert werden, nicht über HR-Schablonen, sondern über echte Beobachtung: Wer bringt wiederholt originelle, unbequeme und dennoch stimmige Perspektiven? Wie schaffen wir eine Kultur, die den Mut, die Sicherheit und den Freiraum für diese Perspektiven garantiert? Wer kann in Widersprüchen denken, ohne zu kollabieren? Wer erzeugt neue Handlungsoptionen statt nur Meinungen? Diese Menschen brauchen ein Mandat, Zeit, Sparring und eine Bühne.

Und Träumer brauchen Übersetzer. Denn Träumer ohne Anschluss werden zynisch. Entscheider ohne Träumer werden blind.

Simulation statt Debatte und Powerpoint
Der nächste Hebel ist methodisch: weniger Debatte, mehr Simulation. Diskussionen über Zukunft sind billig, weil niemand haftet. Simulationen sind ehrlich, weil sie Konsequenzen erzwingen. Die dazu notwendigen Szenarien dienen nicht der Dramatik, sondern als Belastungstest: Was bricht, was bleibt stabil, was wird stärker? War-Gaming und Red-Teaming sind keine Angstmaschinen, sondern Robustheitsgeneratoren. Pre-Mortems sind kein Pessimismus, sondern Reife: Was würde dieses Vorhaben scheitern lassen, und wie bauen wir vorher Optionen ein? Wer nicht simuliert, entscheidet nach Bauchgefühl und nennt es Erfahrung. Das ist bequem, aber teuer.

Damit Zukunft nicht wieder vom Operativen gefressen wird, braucht sie Taktung.
Nicht als Event, sondern als Ritual der Beschleunigung. Zukunftstage sind dafür ein präzises Instrument: regelmäßige Zeitfenster, in denen Signale, Hypothesen, Prototypen und Lernkurven zählen – nicht PowerPoint und Selbsterzählung. Dort entsteht Proof-of-Relevance, bevor man Proof-of-Concept überfinanziert. Dort wird Portfolioarbeit konkret: sichere Verbesserungen, mutige Wetten und (kleine) Moonshots, die bewusst im freien Raum starten dürfen, um maximal zu lernen.

Zukunftstaktung ist die einzige realistische Antwort auf Organisationen, die permanent „keine Zeit“ haben und dadurch ihre eigene Zukunft outsourcen.

Und ja: Risiken gehören dazu.
Aber das Ziel ist nicht, Risiken wegzureden. Doch ein Unternehmen, dass Risiken scheut ist im Wortsinn gar kein Unternehmen. Das Ziel ist, Risiken zu verantworten, statt sie zu dämonisieren. Dafür braucht es Leitplanken, die nicht als Bremse funktionieren, sondern als Ermöglichung.

Verantwortung heißt nicht „wir messen das dann“, sondern: Wir bauen Fortschritt so, dass er sich selbst begrenzt.

Das beginnt mit echten Sandboxes, mutigen Reallaboren und gestuften Releases:
Lernen und Skalieren parallelisieren. Dazu Reversibilität als Standard: Kill-Switch, Rollback, Notfallmodus. Doch anstelle der KPI-Romantik harte Guardrails, die nicht verhandelbar sind: Schutz von Menschen, Schutz des Systems, Schutz von Vertrauen. Ergänzt um ein spielerisches Red-Teaming und dann natürlich, in den späteren Innovationsphasen, auch KPIs und harte Tests vor dem Rollout.

Plus: klare Ownership: jemand trägt Namen und wirkliche Entscheidungsmacht, inklusive Budget und Abbruch und wir dafür vom Vorstand abgesichert.

Wenn man diesen Chancenhebel ernst meint, entsteht etwas Seltenes: eine Organisation, die nicht innovativ erscheinen muss, sondern zukunftsfähig handelt. Weniger Hype, mehr Optionslogik. Weniger Status-quo-Verliebtheit, mehr Entscheidungsfreiheit. Weniger Abwehr, mehr Möglichkeitskompetenz. Provokation zum Schluss: Wer Fortschritt nur managt, wird von ihm überrollt. Wer ihn strategisch gestaltet, kann ihn feiern – weil er ihn verdient.

Den Fortschritt feiern

Damit wir all dies im Alltag nicht vergessen, wollen wir jeden Tag den Fortschritt feiern. Jeden Tag einen Impuls der zeigt, wir Menschen können Fortschritt. Als Innovatoren, als Unternehmen, als Gesellschaften, als Politik. Wir haben wahrhafte Wunder vollbracht mit großer Kreativität und Spielerei, mit Neugierde und Witz, mit viel Fleiß und Schweiß und mit Unerbittlichkeit. Und genau damit können wir unser aktuellen Herausforderungen auch lösen. Genau damit können Unternehmen wachsen und gedeihen. Gerade jetzt.

Wir zelebrieren dies: Mit unserem The day it changed Kalender und mit unseren Projekten, Services und Produkten. Mitmachen!

Quellen

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Ipsos. (2017). Perils of Perception 2017 (Report). Ipsos.

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